Themenreihe: Klagen - Jammern - Meckern - Dankbarkeit
Teil 2
Es wird viel gejammert. Über das Wetter, das einmal zu heiß ist und dann wieder zu kalt. Über die lange Schlange bei der Supermarktkasse. Über die Arbeit, die zu viel ist, und die Zeit, die zu wenig ist. Über die Familie und die Regierung. Darüber, dass alles immer schlechter wird. Der Publizist Karl-Markus Gaus: „Der Jammerer fraternisiert sozusagen mit den schlechten Zuständen; er will sie nicht ändern, bloß über sie lästern.“ Also Schluss mit Jammern?
Die psychotherapeutische Fachliteratur, wie beispielsweise Arbeiten zur Ermutigung der Klage, unterscheidet scharf zwischen Klagen und Jammern
| Kriterium | Jammern | Klagen |
|---|---|---|
| Haltung | Passiv, verharrend im Leid | Aktiv, den Schmerz konfrontierend |
| Ziel | Mitleid suchen, Veränderung vermeiden | Ausdruck von tiefer Verletzung und Protest |
| Wirkung | Hält den Betroffenen im Zustand der Ohnmacht fest | Wirkt befreiend („Eiter der Seele“ fliesst ab) und bewegt |
Die Wurzel des Jammerns liegt nicht in der Not, wie beim Klagen, sondern in der eigenen Unzufriedenheit. Jammern kann man auch dann, wenn es einem gar nicht schlecht geht und man gute Voraussetzungen im Leben hat.
Was ist Unzufriedenheit?
Psychologisch lässt sie sich beschreiben als ein Gefühl der Rastlosigkeit, des sich Sehnens oder den Wunsch nach etwas. Dieses „Etwas“ kann konkret sein, wie etwa ein anderer Job oder ein schlankerer Körper.
Es wird viel gejammert.
Das Jammern der Bauern hat sich in unserer Sprache eingeätzt: "Jammern ist des Bauern Gruss“ oder der Aussage, dass Bauern immer etwas zu klagen haben, egal ob das Wetter gut oder schlecht ist. Aber nicht nur Landwirte, auch Wirte jammern offenbar immer. "Wenn sie viele Gäste haben, klönen sie über Arbeit; wenn sie wenige Gäste haben, klönen sie über mangelnde Arbeit, sie klönen über Leute, die rauchen wollen, und Leute, die nicht rauchen wollen, sie klönen, dass in der Stadt nichts läuft, und klönen, wenn in der Stadt etwas läuft." [Basler Zeitung, 19.06.2009]
Es gibt in der deutschen Sprache die unterschiedlichsten Begriffe: lamentieren, zetern oder nörgeln und auch in der schweizerdeutschen Mundart das "Klönen". "Chlönen" ist aber nicht mit dem Hochdeutschen "klönen" zu verwechseln. Im Dialekt bedeutet es jammern, klagen, seufzen oder sich beschweren. (siehe: klönen – Schreibung, Definition, Bedeutung, Etymologie, Synonyme, Beispiele | DWDS)
Das Calimero Syndrom
Jammern ist zu einer Art Volkssport geworden. Wir Schweizer sind darin Weltmeister. Einige politische Parteien, rechts aussen, konzentrieren sich zu 100% auf das Jammern und sie haben Erfolg damit. Uns wird seit Jahrzehnten eingeredet, wie schlimm Migration ist und wie die Ausländer uns unsere Arbeit und wegnehmen. Wie sie unsere Sozialwerke schädigen und auch für den Stau auf unseren Strassen und die teuren Mietwohnungen verantwortlich sind. Und irgendwie, irgendwann glauben wir es.
Aber halten wir uns mal vor Augen:
-
Verkehr:
Im Jahr 1960 lebten 5,4 Millionen Menschen in der Schweiz, davon waren gut 575.000 Ausländer. Ende 2024, also 60 Jahre später sind 9,15 Millionen davon rund 2,3 Millionen Personen ohne Schweizer Pass. Kann aus diesem Wachstum auf den Verkehr geschlossen werden? Nein. Denn 1960 gab es schätzungsweise nur gerade 500`000 Personenwagen in der gesamten Schweiz. 2025 sind gemäss Bundesamt für Statistik in der Schweiz 6 575 521 Millionen Personenwagen zugelassen. Das macht 1960 auf 10 Personen ca. 1 Auto und 1 Ausländer. 2025 kommen auf 10 Personen 6 Autos und etwa 4 Ausländer. Dieses exponentielle Wachstum des Verkehrs hat damit zu tun, dass wir Schweizer extrem auf Mobilität orientiert sind. Das zeigt auch die Anzahl Lieferwagen und Kleinbusse, welche in den letzten Jahren massiv zugenommen hat und bei über 800.000 Fahrzeugen liegt. Dazu kommen noch 286.993 Motorfahrräder. Jede in der Schweiz wohnhafte Person legte noch vor der Covid-19-Pandemie 24'850 Kilometern pro Jahr im In- und Ausland zurück. Das macht für jeden Einwohner im Durchschnitt 30 km pro Tag innerhalb des Landes. Der absolute Großteil nämlich 11.100 Kilometer pro Person, also 45 % der gesamten Jahresmobilität im Ausland wird mit dem Flugzeug absolviert. Der Hauptgrund für diese Mobilität war mit 43 Prozent der zurückgelegten Distanz die Freizeitaktivitäten, gefolgt vom Pendeln zur Arbeitsstelle mit 28 Prozent. Für diese täglichen Wege im Inland ist die Bevölkerung im Durchschnitt 80 Minuten pro Tag unterwegs.
-
Wohnen:
In der Schweiz beträgt die durchschnittliche Wohnfläche pro Person (inkl. Kinder) 46,6 Quadratmeter. Meine Frau und ich bewohnten zu zweit ein kleines Haus von 70 m2 Wohnfläche in welchem 50 Jahre früher 9 Erwachsene gewohnt hatten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Mein Vater erzählte davon, dass sie als Kinder zu dritt in einem Bett geschlafen hatten. Heute braucht jedes Kind ein eigenes Zimmer.
-
Leben:
Im Winter war es meiner Grossmutter nicht möglich allen Kindern lange Hosen zu kaufen. Also trugen sie kurze Hosen mit selbst gestrickten Strumpfbeinen. Und diese wurden mit Strumpfhaltern hochgehalten.
Aus "Häusliches Glück", Kommissions Verlag, Basel 1883, F. Spittler"Die Mahlzeiten sollen recht, einfach, aber doch gesund und kräftig sein. Kaufe immer Schwarzbrot, es ist nahrhafter und leicht verdaulich. Frisches Brot ist ungesund. Darum kauft eine sorgsame Hausfrau das Brot wenigstens 2 Tage im Voraus. Fleisch ist ungesund und teuer. Einmal pro Woche ist ausreichend. Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Bohnen und Linsen sind an Nahrungsgehalt dem Fleisch überlegen. Wenn Du einmal Fleisch kaufst, dann am Mittwoch. Lege es beim Kochen auf das Gemüse, am Freitag kannst Du es in der Suppe mitkochen und der Sonntag, als ein Festtag soll mit Fleisch sein.""Zur Gründung eines Hausstandes: 1 Strohsack, 1 Kissen, 1 Bettdecke, 3 Leintücher ...... Kleider und Leibwäsche sollst Du vor der Heirat beschaffen,Wir können heute Früchte essen, von denen hat man noch vor ein paar Jahrzehnten gar nichts gewusst. Tropische Früchte zu jeder Zeit, an jedem Ort. Der durchschnittliche Fleischkonsum liegt heute bei etwa 50 bis 55 Kilogramm pro Person und Jahr. Dies obwohl etwa 5,3 % der Bevölkerung vegetarisch und 0,7 % vegan leben und den 78.300 Babys pro Jahr, die ja auch kein Fleisch essen. -
Arbeit:
Im Jahr 1856 arbeiteten gemäss Protokollen Zollbeamte jährlich 4820 Stunden für einen mageren Lohn. Sie mussten pro Tag dutzende Kilometer zu Fuss gehen, während 10 Stunden pro Tag und das bei jedem Wetter, bei Regen, Schnee und Eisregen im Winter. Ausserdem gab es Hinterhalte zu überstehen und Auseinandersetzungen mit Schmugglern wo Stockschläge und Messerstiche nichts aussergewöhnliches waren.
https://lescheminsdelacontrebande.com/la-carte/#e=51564&chemin=34432&etapeNb=3
-
Energie:
Versorgungssicherheit beim Strohm ist heute das grosse Thema. Der jährliche Gesamtstromverbrauch der Stadt Zürich liegt bei rund 2,7 Terrawattstunden. Der durch Künstliche Intelligenz (KI) getriebene Stromverbrauch gewinnt rasant an Bedeutung. Im Jahr 2024 verbrauchten Schweizer Rechenzentren laut offiziellen Bundesdaten 2,1 Terrawattstunden (TWh) Strom, also fast so viel wie die ganze Stadt Zürich. Rechte Politiker ziehen es, entgegen dem Volkswillen vor, neue AKWs zu bauen, anstatt Strohm zu sparen. Sparen ist heute kein Thema. Die Elektrifizierung begann in der Schweiz lokal. Das erste Kraftwerk der Schweiz ging 1879 im Kulm Hotel St. Moritz in Betrieb. Darauf folgten 1886 das Kraftwerk Taulan bei Montreux und die landesweite Elektrifizierung der Industrie und Beleuchtung. Erst 1958 schlossen sich die lokalen und regionalen Kraftwerke zusammen, um den "Kantönligeist" zu überwinden und eine stabile Versorgung zu gewährleisten. Der Endverbrauch an Strom lag in der Schweiz im Jahr 1960 bei rund 16 Terrawattstunden. Heute verbrauchen wir 60 Terrawattstunden, das heisst 4x mehr.
Von wegen, früher war alles besser. Wir leben im Überfluss, aber wir sind nicht zufrieden. Man könnte ja von seinen Privilegien etwas verlieren und zu kurz kommen.Immer besser, immer schneller und immer weiter.
Was sagt die Bibel zum Jammern?
"Sie sind ständig unzufrieden und beklagen voller Selbstmitleid ihr Schicksal. Sie lassen sich von ihren Begierden antreiben, schwingen einerseits grosse Reden und kriechen andererseits vor den Leuten, wenn sie nur irgendeinen Vorteil davon haben."
"Was haben wir denn in die Welt mitgebracht? Nichts! Was können wir aus der Welt mitnehmen? Nichts! Wenn wir also Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen. Die, die unbedingt reich werden wollen, geraten in Versuchung. Sie verfangen sich in unsinnigen und schädlichen Wünschen, die sie zugrunde richten und ins ewige Verderben stürzen. Denn Geldgier ist die Wurzel alles Bösen. Manche sind ihr so verfallen, dass sie vom Glauben abgeirrt sind und sich selbst viele Qualen bereiteten."
"Gib dich zufrieden mit dem, was du hast, und verlange nicht nach allen möglichen anderen Dingen; denn das ist vergebliche Mühe und Jagd nach Wind."
Bastelidee:
Calimero Eierschale
Du setzt die Eierschale als Hut auf, wenn du traurig bist und in Gefahr, zu jammern oder wenn du dich über etwas beschwerst. Vielleicht hilft es Dir, wieder die Relationen zu finden.
Für den Download: Calimero Eierschale
Kommentar verfassen